Bruder

· Deutsch

Mein Bewusstsein öffnete seine Augen in einem Land, das meinem Körper noch fremd war. War er doch woanders geboren,

wo man viel Sand einatmet, wo Schnee eher selten ist und wo die Sonne früher untergeht.

Und in diesem Land meine Augen zu öffnen, das war nicht ganz so einfach.

Denn obwohl ich sehen konnte, dass sich ihre Lippen bewegten, verstand ich doch nicht, was diese Kinder von mir wollten. Ob sie überhaupt etwas von mir wollten.

Und es half nicht, dass ich dazu noch ganz anders aussah.

Denn wenn ich mich im Spiegel ansah,

war mir ganz klar,

dass meine Haut nicht gleich gefärbt war.

Es war den anderen bald auch klar,

dass dies ein Grund für dumme Sprüche war.

Ausgeschlossen fühlte ich mich daher früh.

Und auch wenn ich mich heute drum bemüh,

ganz vergessen kann ich das nie.

Und so nach 20 Jahren auf dieser Welt,

Hab’ ich mir die Frage mal gestellt:

Habe ich denn heute diesen Freund gefunden?

Der mit mir rumhängt während Stunden,

ganz unverpflichtet, ungebunden,

wahres Interesse tut bekunden,

an meinen Ängsten, meinen Lieben,

oder hab’ ich sie alle schon vertrieben?

Ich fragte mich, ob da wer ist,

der mit mir im Unterdeck sitzt,

der mit mir, tagein tagaus,

Blut und Tränen schwitzt?

Der mich, ja eigentlich mehr Kind als Mann,

wenn ich einmal nicht mehr kann,

protestlos ablöst am Ruder?

Ja, so jemand, wie ein Bruder?

Ein Bruder. Ein Bruder? Einen Bruder hab’ ich doch!

Und so fiel es mir auf einmal,

nach so vielen Jahren, von den Augen wie Schuppen.

Hatte ich doch keine Ahnung,

dass sich mein eigener Bruder,

als dieser so ersehnte Freund würde entpuppen.

Der Mensch, mit dem ich ja eigentlich mein Blut und meine Eltern teile.

Der mir stets zuhört, ohne Eile. Mit mir weint, wenn ich weine.

Dessen Schulter stützt die meine.

Es tut mir leid.

Es tut mir leid,

Hab’ ich so lange gebraucht,

Um das einzusehen,

Mich umzudrehen,

Und dich zu sehen.

Es tut mir leid.

Denn mir ist nun bewusst,

du wurdest ohne jegliches Verschulden deinerseits

Zum Abbild meiner Fremdheit,

meiner Falschheit.

Es tut mir leid.

Ich habe dich so oft durch meine kalte Art verdrängt,

Hab dir weder Zeit noch Aufmerksamkeit geschenkt.

Hab dich mit meinen harten Worten und Schreien gekränkt,

meinen Auftrag missverstanden und dich grundlos eingeschränkt.

Ich fühlte mich in meiner eigenen Haut einfach dermassen eingeengt,

Hielt aufgrund der aufgestauten Wut die Arme immerzu verschränkt.

Hab’ anstatt zu reden meine geballte Faust in Hass getränkt,

Und meine Güte in den dunkeln Tiefen meines Selbst versenkt.

Mann, ich wünscht’ ich hätte diese Veränderungen früher eingelenkt,

Wünscht’ ich hätt’ den guten Stimmen damals schon Gehör geschenkt,

Ich hätte dich in deinem Elend flehend von deinen Schmerzen abgelenkt,

Wäre für dich ein Freund gewesen, hätt’ dich von den schlechten weggelenkt.

Es tut mir leid.

Dass ich mich so sehr strebte davor, dich einfach einmal zu umarmen.

vorbeilief an deinen offenen Armen, ohne jegliches Erbarmen.

Es tut mir leid, dass sie sie verbrannten, meine kalten Hände deine warmen.

Dabei wusste ich doch, dass du dich auch so sehr nach einem Freund sehntest wie ich.

Und stattdessen liess ich

zu,

dass wir beide su-

chend umherirrten und uns

bald aus den Augen verloren.

Verloren ist aber nur,

was gestern war.

Denn heute…

Heute,

wo Whatsapp-Gruppen den Familientisch ersetzen und wo Familientreffen in Kalendern und Todo-Listen eingetragen werden müssen, um nicht kläglich vergessen zu gehen.

Heute, wo wir uns so sehr vernetzen, auf allen möglichen Plattformen, dass wir einander menschlich nicht ferner sein könnten.

Heute, wo wir uns selbst im Glauben lassen, dass unsere pausenlose Verbundenheit, unser ununterbrochenes Online-sein, uns unseren Liebsten näherbringt.

Heute, bestehe ich darauf, dass wir uns einander gegenübersetzen,

Gemeinsam trotzen den Gesetzen, die uns online zwar vernetzen,

Doch es dennoch nicht vermögen, echten Austausch zu ersetzen.

Denn dein Anruf ersetzt niemals deine Anwesenheit und genauso wenig das grinsende Emoticon dein Lachen, das tief aus deinem Bauch und so sehr von Herzen kommt.

Heute…

Heute bin ich da für dich, als dein Kumpel, dein Kumpan,

Vergib’ mir meine Fehler und vergiss’ wer wir mal warn.

Vorüber sind die Zeiten, als ich mich vor dir verschloss.

Ab heute bin ich dein Gefährte und du mein Genoss.

ich werde schaffen für diese Freundschaft,

was nur ein Freund schafft,

was nur ein Freund rafft,

geb’ dir erneut Kraft.

ich werd’ dich fortan in die Höhe heben,

werd’ mit dir nach Höhen streben,

mit dir nachts in die Höhen sehen,

etwas kindlich und verträumt,

Mann, ich übernehme jederzeit das Ruder,

als dein Bruder, und dein Freund.

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