Nachruf an Rubinay

· Deutsch

Die Fahnen flattern heute im eiskalten Wind nur auf Halbmast. Die Sonne hat sich hinter Türmen von dunklen, tief hängenden Wolken verschanzt. Die wenigen Passanten, die in den Gassen der Thutstadt ziellos umherirren, wirken niedergeschlagen, als drückte das Gewicht der Trauer ihren ganzen Körper in die Pflastersteine und erschwerte ihnen sowohl den Atem als auch den Gang. Heute in der Thutstadt leiden zwar alle, und doch jede und jeder allein. Beinahe so, als dürfte man die so kostbaren Erinnerungen an ihn nicht vermischen, da sie sich sonst überlappen, überzeichnen, ausgrenzen und verwischen würden. Denn an seiner Person schieden sich trotz der allgemeinen Anmut die Geister. Die einen hätten ihn gerne im Stadtrat gesehen, für die anderen kam das nicht in Frage, musste er doch volksnah bleiben und in den Gassen daheim.

Ihm, Rubinay, war der ganze Hype um ihn einerlei. Er tat das, was er tat, einfach von Herzen, mit Leidenschaft und Liebe. Er kroch die Mauern hoch, den Dächern entlang und die Regenrinnen wieder runter, um nach den Bewohnerinnen und Bewohnern der Thutstadt zu schauen. Er half da, wo er konnte. Da war zum Beispiel einmal ein Vogel, der sich einen Flügel im Zahnradwerk der Kirchenuhr eingeklemmt hatte. In wenigen Minuten hatte Rubinay eine Brigade zusammengestellt, aus den stärksten und tapfersten Käferinnen der Thutstadt, und wenige Sekunden bevor es Stunde schlug hatten sie es geschafft, die Zahnräder auseinander zu stemmen und den völlig ausgelaugten Vogel zu befreien und in Sicherheit zu bringen. Gefeiert und gezecht hatten sie danach in einem der beliebten Abflussrohre, zu den Beats und Rhymes des lokalen MC Buggy Flavor Flav, bis tief in die Nacht hinein. Ja, solche Geschichten über die Heldentaten Rubinays gibt es haufenweise. Er wusste immer Rat, hatte immer den richtigen Einfall, den nötigen Mut und die richtigen Connections. Und nachdem er seine Taten vollbracht hatte, wusste er sie auch zu feiern. Und wenn er einmal müde war, dann gähnte er, liess die Fühler hängen und sagte in die Runde „Chly pfuuse jetze”, bevor er es sich in einer Nische zwischen den Pflastersteinen gemütlich machte.

Einer für die Bücher, dieser Rubinay. Die Erinnerungen an ihn und seine Heldentaten werden noch unzählige Generationen der Thutstadt inspirieren, Gutes zu tun und füreinander da zu sein: Käfer für Katze, Vogel für Hündin, Spinne für Fuchs und Affe für Pelikan. Einer für alle, und alle für einen. Wir kümmern uns jetzt darum. Du darfst dich jetzt ausruhen. Pfuus guet, liebster Rubinay.

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