Aus dem Leben eines Un-Thuts

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750 Tage. So viele Tage ist er bereits eingesperrt, als sie heute morgen in seine Zelle kommen. Ohne anzuklopfen, wie immer. Er solle sich bereit machen für die Gerichtsverhandlung, wird ihm mitgeteilt, im für ihn mittlerweile natürlich gewordenen Tonfall, der jedoch jedes Mal deutlich macht, dass die in die Verfassung gemeisselten Grundrechte für ihn nicht gelten. Nicht für ihn, die Unperson.

«Wir haben es heute mit einem der berüchtigtsten Kriminellen der Thutstädter Geschichte zu tun, meine Damen und Herren. Dieser Unmensch hat es auf unseren Frieden und unsere Freiheit abgesehen. Aus dem dunklen Brühligenthal hergereist, hat er das von unserer Gastkultur grosszügig gewährte Asylrecht ausgenutzt, um unsere Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Als Staatsanwältin unserer wunderbaren Thutstadt kann ich es nicht zulassen, dass solch Gesindel ungeschoren davonkommt. Die Klägerin verlangt hiermit für den Beschuldigten…die Todesstrafe!»

Ein Raunen geht durch den Gerichtssaal. Die Journalisten twittern eifrig um die Wette. Der Richter fordert Ruhe. Er, der Un-Thut, der böse Andere, hat bereits am eigenen Leib erfahren, dass diese Justiz nicht mit gleichen Ellen misst. Über das strenge Regime der letzten Jahre sowie die unzähligen Einvernahmen hinweg ist ihm schon bewusst geworden, dass die Unschuldsvermutung hierzulande irgendwie in staubigen Lehrbüchern vergraben lag. Dass man jedoch eines Tages so skrupellos alles daran setzen würde, ihn als Inbegriff des Bösen und Schrecklichen darzustellen, damit hätte er niemals gerechnet. Hörte er doch aus der Ferne immer, die Thutstadt sei ein Paradies, das Land der Gerechtigkeit für alle. Aber alle sind nun mal nicht alle.

Verteidigen dürfe er sich sowieso nicht, hat man ihm bereits klargemacht. Er wohnt ja dieser Verhandlung auch nur als Objekt bei, nicht als Subjekt. Ein Blick zu seinem Verteidiger verrät aber: Dieser Prozess hat ihn altern lassen. Blass sitzt er da, regelrecht erdrückt vom Gewicht der öffentlichen Meinung. Die Anklage hat ihre Litigation-PR nämlich hervorragend geleistet: Niemand hat heute noch Zweifel an seiner Schuld, geschweige denn seiner Gefährlichkeit. Die Argumente der Staatsanwältin können unbekümmert auf dem roten Teppich zum Richterpult hoch stolzieren. Kaum verwunderlich daher, dass die Erwägungen und das Urteil des Richters praktisch deckungsgleich mit ihren Argumenten daherkommen.

By Celia (https://www.instagram.com/p/B8YUBVCo1ky/?utm_source=ig_web_copy_link)

Der Aufforderung, sich zu erheben, kommt der Beschuldigte nicht nach. Erneut ein Raunen und vereinzelte empörte Ausrufe in Richtung Anklagebank. Er hatte sich diesen Moment bildlich ausgemalt, ihn wieder und wieder in seinem Kopf durchlebt. Das ist seine einzige und letzte Möglichkeit, für sich selbst zu sprechen. Im Sitzen; denn stehen, um ein ungerechtes Urteil einer korrupten Justiz entgegenzunehmen, würde bedeuten, das letzte bisschen Würde aufzugeben, das ihm noch bleibt. Den Versuchen, ihn am Sprechen zu hindern, trotzend, verkündet er alsdann laut und deutlich:

«Meine Damen und Herren, ehrenhafte Thutstädterinnen und Thutstädter. Ich sitze vor Ihnen heute als ein gewöhnlicher Mensch. Aus einem fernen, dunklen Thal, bestimmt, doch nichtsdestotrotz… ein Mensch. Sie haben die Staatsanwältin gehört, die keinen Zweifel an meiner Schuld lassen möchte. Hängt doch für ihre zukünftige Karriere so viel daran, diesen Prozess als Erfolg zu verbuchen. Koste es, was es wolle; der Preis des Lebens eines Un-Thuts ist in Anbetracht des internationalen Ruhms, der sie erwartet, ohnehin ein Schnäppchen. Sie haben dem Experten Ihr Gehör geschenkt: Dieser bestätigte Ihnen, dass ich eine grosse Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstelle. Auf Gerüchte über uns Brühligenthaler verweisend, insistierte er darauf, dass Gewalt nun einfach in unserer Natur liege und wir den abendländischen Kulturraum, zu dem auch die prächtige Thutstadt gehört, zutiefst verabscheuen und ihm mit allen Mitteln schaden wollen. Belege zu liefern brauchte er nicht, denn seine Aussagen bestätigten lediglich, was Sie alle bereits zu wissen glauben – erleuchtet durch Ihre neutralen und ehrlich recherchierenden Medien. Meine Damen und Herren, zusammenhaltlose Indizien wurden systematisch zu meinen Ungunsten interpretiert und verzweifelt zusammengeflickt, um das Bild von mir zu schaffen, das Ihnen heute von Ihrer Justiz bestätigt wird. Mein Kopf wird rollen, ob die Wahrheit ans Licht kommt oder nicht. Doch meine letzten Worte möchte ich Ihnen widmen, werte Mitmenschen: Wenn sich die Gesundheit einer Gesellschaft an ihrem Umgang mit ihren Straftätern und Gefangenen messen lässt, so spiegelt sich in ihrem Umgang mit Beschuldigten ihr Sinn für Gerechtigkeit. Lassen Sie sich nicht täuschen: Heute wird nicht mir der Prozess gemacht, sondern Ihnen.»

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