Der Denner-Thut
Mit stocksteifen Fingern und einer auf gefühlt Erbsengrösse geschrumpften Harnblase schlendere ich durch die Strassen der Thutstadt, an diesem grauen Dezembernachmittag. Kalt wurde es, ganz plötzlich. Etwa so wie, ganz plötzlich, die zweite Welle einbrach. So ganz ohne Vorwarnung. War ja erst gestern, der Black Friday. Nicht der Konsum-Black-Friday, auch nicht der Black-Lives-Matter-Friday: der Corona-Black-Friday, natürlich. Der Tag, an dem hier alles anders wurde. Oder doch nicht. Noch nicht erholt hat sich Corona. Das Bier, natürlich. Die sträuben sich immer noch, das zu kaufen. Die Amis, natürlich. Vielleicht hilft Black Friday ein bisschen. “CoronaExtra20” und du kriegst Rabatt. 20%, oder 30%. Auf das Pack mit 24, natürlich. Kleiner geht nicht.
Denner spielt auch ganz vorne mit, dieses Jahr: «Wer an Black Friday seine Preise senken muss, ist an anderen Tagen zu teuer». Überall Plakate wie dieses. Ich muss schmunzeln. Und runzeln. Die Stirn, natürlich. Irgendwie komisch doch, dass sich Denner da so profilieren muss. Wie ein rebellischer Jugendlicher, irgendwie. Also so ein gut rebellischer: nicht rauchen, trinken oder Sex haben zu müssen wie alle Gleichaltrigen. «Nicht mitmachen ist cool…und clean». Stimmt ja auch, irgendwie. Aber wer so viel Geld in Plakate reinstecken kann, ohne dabei einen klar erkennbaren Nutzen davonzutragen, der ist ja dann wohl doch immer noch zu teuer. An allen Tagen.
Ich versuche auch, cool zu sein, dieses Jahr. Zu cool für Weihnachten. Nicht für die Weihnachtszeit an sich, natürlich. Das ganze Heimelige und die Lichtlein, die Deko und die Musik, das fand ich ja schon immer ganz schön. Durfte das alles immer geniessen, ohne den ganzen Geschenkestress. So wie heimlich ins Kino ohne Ticket. Hätten ja eh nie gross Zeit gehabt für die Geschenke, Mama und Papa. Die arbeiteten ja immer an Weihnachten. Nicht, dass das jetzt schlimm war, oder so. Aber es war halt einfach so. Dafür haben wir aber einen Weihnachtsstern ans Fenster gehängt. Integriert, irgendwie.
Nein, ich meine den Konsumdrang. Das fängt ja mit Black Friday schon an. «Schleichende Islamisierung», posaunen sie. «Schleichende Amerikanisierung», denke ich mir dazu. Darüber sollte frau mal schreiben. X-Mas und Valentine’s Day waren nicht genug. Jetzt haben wir noch Black Friday. Noch weniger Deutsch, noch mehr Cash. Eine schöne Bescherung.
Aber eben, cool bleiben. Eiskalt vorbeistolzieren an den Prozentschildern. Das gibt Coolness-Punkte. Kann man sammeln, wie bei Super Mario.
Ach, Weihnachten. Schon etwas heuchlerisch, das Ganze.
Denn Religion, das gehört ja irgendwie nicht mehr so zu uns. Das ist etwas, das machen die anderen. Mit all ihren Traditionen und Kulturen und so. Worte übrigens, die je nach Mund, aus dem sie kommen, anders zu klingen scheinen. Nein wir, wir sind hier post-Religion, post-Aberglaube, und post-Spiritualität, wir sind die Ritter, Richter und Erben der Aufklärung.
Tagein tagaus das stumpfe ultrasäkularisierte Gerede von Gesetzen ohne Gefühle. Nicht, dass Gefühle ohne Gesetze unbedingt immer besser wären. Aber alles rationalisieren, legalisieren, kodifizieren, systematisieren, digitalisieren, das geht ja dann doch etwas zu weit. «So will es das Gesetz»: Da bleibt das Menschliche doch zwangsläufig auf der Strecke liegen.
Doch Weihnachten, das ist eben noch das Überbleibsel von etwas Irrationalität: Es ist ja schliesslich die Geburt eines Propheten, oder Sohn Gottes, oder wie auch immer, die man da feiert.
An Weihnachten trotzt eben das Kollektiv ein kleines bisschen noch diesem neoliberalen Narrativ vom sich selbstgenügenden und -gefälligen Einzelkämpfer. Mann, natürlich. Irgendwie steht Familie und Beisammensein und einander etwas Gutes tun im Vordergrund. Wenn auch für eine kurze Zeit. Und wenn auch überschattet von der ganzen Kommerzialisierung und so.
Mit derselben Nonchalance, wie Säkularismus gepredigt und mit Zivilisation und Fortschritt gleichgesetzt wird, wird die Weihnachtszeit in ihrer zwar modernisierten, aber dennoch äusserst traditionsreichen Form weitergelebt. So ganz unbekümmert widersprüchlich. Und etwas heuchlerisch. Und trotzdem schön.
Weitergehen, Coolness-Punkte sammeln. Die Nase im Jackenhals eingegraben, Maske hoch- und Mütze runtergezogen. Ein Anblick, bei dem vor einem Jahr die patrouillierenden Polizisten die Hände schon am Holster gehabt hätten. Nun ja, Zeiten ändern sich. Ich richte meinen Blick nach oben. Denner steht da, in diesen klobigen, doch unverkennbaren Buchstaben. Rechts die Eingangstür: «Black Friday: Jeden Tag von 8 bis 20 Uhr». Kurzes Stirnrunzeln und Schulterzucken. Dann rein in die Wärme.