Neues vom Thut-Café

· Deutsch

Während ich auf dem Vorplatz meines Lieblingscafés in der Thutstadt genüsslich an meinem traditionellen Montagskaffee schlürfe, wird die idyllische Ruhe, die sonst höchstens gelegentlich vom Zwitschern der Vögel begleitet wird, plötzlich gewaltsam von der Stimme des nervigen Moderators aus dem Inneren des Cafés durchbrochen, als Hassan, der Betreiber, zum Putzen die Türe sperrangelweit öffnet:

«…Claus Tuto, dem Mann, dessen Statue hoch über dem Zentrum der Altstadt ragt, gebührt alle Ehre. Kein Passant geht an diesem Brunnen vorbei, ohne vor Ehrfurcht wie verwurzelt stehen zu bleiben, des Clausus Gluteus Maximus zu bewundern, und sich zu fragen, wie treu die Nachahmung die damaligen realen Dimensionen wiedergibt. Ja, nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich ist er wahrlich der Stolz der Thutstadt, verkörpert er doch all die Werte und Tugenden, die unserer thutischen Zivilisation zugrunde liegen: Kraft, Bestimmtheit, Zielstrebigkeit, Fleiss, Loyalität, Mut, Tapferkeit, Bescheidenheit und Gottesfurcht. Ja, der Claus, das ist ein Mann für die Bücher!»

Ach, ein weiteres Loblied an unseren Stadthelden, denke ich mir, seufzend. Nicht, dass er das nicht verdient hätte. In der blutigen Schlacht von Sempach am 9. Juli 1386 soll er ja bekanntlich bis zum bitteren Ende gekämpft haben. Wie die Schwerter und Lanzen schon in seiner Brust versanken, soll er noch, die letzten seiner Kräfte mobilisierend, das Thutstädter Wappen von der Stange gerissen und verschlungen haben, um es vor jeglicher Schmach zu bewahren. Für Gott, sein Vaterland und seine Familie habe er sich geopfert, ohne einen Ton von sich zu geben oder eine Träne zu vergiessen – im Gegenteil: ein zufriedenes Lächeln soll sich mit den letzten Atemzügen auf seinem Gesicht ausgebreitet haben. Denn im Kampf für eine gerechte Sache zu fallen, sei ja letztendlich trotz allem die grösste Ehre eines wahren Mannes.

Aber die ganze Vergöttlichung, die ist schon unheimlich. In der Thutstadt ist der Claus auf jeden Fall unantastbar. Man wagt es kaum, zu hinterfragen, wie denn die Statue denn überhaupt dahin gekommen ist. Und wieso da nicht mehr die Justitia steht, die offenbusige (wieso eigentlich?) Verkörperung der Gerechtigkeit. Böse Zungen munkeln, dass die Zofingia der Stadtregierung gedroht habe, ihre Mitglieder aus der ganzen Schweiz für einen Strassenchor in die Thutstadt zu bestellen, und so erwirkt habe, dass das Projekt des Thutbrunnens ohne Wenn und Aber in Windeseile durchgewinkt wurde – wenn das doch auch bei den wichtigeren Bauvorhaben so schnell gehen würde!

Dass also der Clausi unantastbar ist, das hängt zu einem grossen Teil damit zusammen, dass diese ominöse Studentenverbindung hinter der Errichtung seines Denkmals steht. Dass sich dieser suspekt homogene Teich an Mannskörpern, der keine Frauen in seinen Reihen duldet (ausser es handelt sich um solche, welche die Präsenz eines Mitglieds aufwerten könnten), gerade mit dem Tuto identifiziert, ist gewiss nicht weit her geholt. Tapferes Heldentum wird denn auch bei der studentischen Mensur grossgeschrieben, dem traditionellen Fechtkampf. Wer schnell und kraftvoll den Schläger zu schwingen versteht, den Hieben des Gegners standhält, dabei seine Emotionen unter Kontrolle hält, keine Furcht zeigt und zu keinem Zeitpunkt zurückweicht – ja, das sei der Mann, der es im Leben, der Gesellschaft, in der Arbeit und der Politik auch weit bringen werde.

Dabei wird ausgeblendet (oder nicht), dass das auch diejenigen patriarchalischen Werte und toxischen Vorstellungen der Maskulinität sind, die dem ausbeutenden Kapitalismus, dem militärischen Imperialismus, und dem strukturellen Sexismus zugrunde liegen.

Man muss selbstverständlich nicht gleich das Kind mit dem Bade, beziehungsweise, den Thut mit dem Brunnen, ausschütten. Aber dass der Claus – und vor allem die Statue – so eng mit der Zofingia zusammenhängen, das sollte uns als Thutstädterinnen und Thutstädter doch schon etwas zu denken geben. Als die Statue 1894 errichtet wurde, da befanden wir uns noch in einem ganz anderen Zeitalter. Vielleicht wäre es Zeit für ein Umdenken, einen Umschwung, oder gar eine Umwälzung?

Als ich meinen gedanklichen Monolog weiterführe, füllt allmählich eine Portion Mut meine Brust und mir ist danach, lauthals über den Vorplatz zu schreien «Runter mit dem Patriarchat – runter mit dem Thut!», um die Gäste aus ihrem apathischen Gehorsam wachzurütteln. Ich richte mich von meinem Stuhl auf, zupfe mein Hemd zurecht, atme tief ein, schliesse nochmals kurz die Augen und male mir aus, wie meine Stimme durch jede Passantin, jedes Fensterglas und jeden einzelnen Pflasterstein fährt und sie ehrfürchtig erzittern lässt. Als ich schon losbrüllen möchte, stupst mich auf einmal etwas von hinten in die Waden: «Sorry, mein Lieber, darf ich da kurz unter deinem Tisch wischen?», fragt mich Hassan, der sich offensichtlich der Gewichtigkeit der Situation nicht bewusst zu sein scheint. Verdutzt weiche ich wortlos zur Seite, als wäre grad ein Elefant in die letzten Minuten meiner Yogastunde geplatzt.

«Ich bringe dir auch gleich noch einen Capuccino, geht aufs Haus», sagt er, den Boden kehrend, als hätte er meine Empörung wahrgenommen. «Ja gerne, und bitte mit einer guten Portion Kakao auf dem Schaum», antworte ich rasch, als könnte das Angebot ablaufen. Dann zucke ich kurz mit den Schultern und setze mich wieder hin. Die Revolution muss warten.

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