herr nachbar

· Deutsch

Ich hörte ihm gerne zu. Wie er Geschichten erzählte über sein Leben. Er hatte ja schon viele Jahre gelebt, viele Länder bereist und viele Leute getroffen. Und darüber redete er gerne stundenlang.

Ich hatte aber nicht immer stundenlang Zeit und musste mir dann immer überlegen, welche Ausrede ich ihm denn heute auftische, um mich aus dem Staub zu machen. Und auf den richtigen Moment warten. Ja, den Moment finden, das war eine knifflige Angelegenheit. Denn er sprach zwar langsam, machte aber kaum Pausen zwischen seinen Sätzen. Er war wohl einer dieser Menschen, die Mühe haben, abzuschliessen. Mit den Sätzen, aber auch mit der Vergangenheit. Er war so sehr mit seiner Vergangenheit beschäftigt, dass ihm das Jetzt davonzulaufen schien.

Unsere Treffen liefen jeweils ab wie nach Drehbuch. Ich kam, mähte den Rasen, wenn das Gras wieder über die tolerierbare, circa kniehohe, Länge gewachsen war, leerte den Auffangeimer im Kompost, wusch mir die Hände und setzte mich an den Gartentisch. Er kam raus und brachte mir ein Birnenweggli und den Fünfliber. Ja, “S Weggli und de Batze”, in der Tat, aber ich hatte mir ja beides mehr als verdient. Dazu gab es noch ein Glas Wasser. “Wassertrinken ist wichtig. Darum bin ich krank geworden. Weil ich zu wenig Wasser getrunken habe, als ich jung war”, sagte er jeweils und räusperte sich dann gleich, als wollte er, bewusst oder unbewusst, die Bedeutung seines Ratschlags unterstreichen.

Dann die Geschichten. Ich sass da, ass mein Birnenweggli und hörte ihm zu. Dann ging ich wieder nach Hause.

Ich konnte sein Haus von meinem Zimmer aus sehen. Bevor ich zur Schule ging, schaute ich manchmal rüber. Wenn das Badezimmerfenster auf dem ersten Stock gekippt war, dann war er wach.

Er war eigentlich immer wach, wenn ich zur Schule ging. Doch irgendwann kam es immer häufiger vor, dass das Fenster noch geschlossen war. Er bat mich auch immer seltener, den Rasen zu mähen. Die tolerierbare Grenze war mittlerweile auf Hüfthöhe gestiegen. Er kam auch nicht mehr raus nachdem ich fertig war, sondern stellte mit das Birnenweggli hin und legte den Fünfliber daneben.

Ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, ob ich damals wusste, dass er bereits dabei war, Abschied zu nehmen. Von der Welt, von uns. Es wurde mir jedoch spätestens bewusst, als ich an seiner Bettkante stand, in seinem Zimmer, das roch wie Zimmer von alten Menschen nun mal riechen. Den Kopf etwas erhöht liegend, seufzte er, die Augen geschlossen und sagte: „Weisst du, ich bin bereit. Ich bin bereit zu gehen.”

Am nächsten Morgen war es soweit. Er hatte endlich abgeschlossen. Mit den Sätzen. Mit der Vergangenheit. Mit dem Leben. Mit uns.

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