Im Caribou Café.

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Im Caribou Café.

In dieses Caribou Café, eingeklemmt zwischen dem Café der französischen Hauptstadt und dem Café der Duchesse, eingehüllt in Plastik und ächzend unter dem Gewicht der oberen Etage, über dessen Inhalt und Zweck man mangels privilegiertem Zugang lediglich spekulieren kann, habe ich mich verirrt.

Empfangen wurde ich höflichst, durch das breite Lächeln eines jungen Mannes, der sich bald als Liebhaber und regelmässiger Besucher meiner mesopotamischen Brutstätte entpuppen würde. Beat* (*Name der Redaktion bekannt) würde mich nach einem wiederholten Besuch spontan, zuvorkommend und etwas frech darauf ansprechen, dass man mich vorher noch nie gesehen hätte, doch ich mich innert kürzester Zeit zum Stammgast entwickelt hätte. Ich fand das jetzt bei meinem dritten Besuch etwas übertrieben. Dennoch sympathisch.

Im Caribou Café fühlt man sich nämlich schon wohl. Versteckt hinter der Plastikhülle verbirgt sich ein kleiner, gemütlicher Innenraum, welcher Schutz bietet vor der rund um die Uhr vibrierenden Hauptstrasse dieser Shoppingmeile. Einer Hauptstrasse, vor deren Überquerung ein kurzes Gebet nicht fehl am Platz ist. Vortritt für Fussgänger gibt es nämlich keinen. Um der Motorhaube zu entwischen, lege ich jeweils einen kurzen Sprint hin und beschwichtige währenddessen auf mich zurasende Autofahrer mit einer entschuldigenden Geste. Bei Stau geht das alles einfacher.

Das Caribou Café ist zudem der Drehort eines sich täglich wiederholenden Spektakels. Im Verlaufe des Tages setzt sich nämlich ein buntes Mosaik aus Menschen zusammen, welches ich in dieser Konstellation als einzigartig wahrnehme. Der alte Monsieur, der die lokale Zeitung liest neben den beiden (ebenfalls lokalen) jungen Mädchen, die sich, wild gestikulierend, auf amerikanisch über ihr Studienfach unterhalten. Die beiden NGO-Leute, die ein wichtiges Projekt besprechen, gegenüber von den beiden älteren Damen, die ihren Kaffee gemeinsam täglich um die gleiche Uhrzeit zu sich nehmen, und sich über dieselben Themen unterhalten. Ein Mann, welcher der Frau gegenüber liebevoll die Brillengläser abwischt, ohne den zärtlichen Kneifer in die Wange zu unterlassen, neben dem jungen Künstler mit seiner lockigen Haarpracht, der sich augenscheinlich sehr gut mit seiner Gesprächspartnerin unterhält, jedoch nur schüchtern davon träumen darf, dass sie sich zu einem absehbaren Zeitpunkt von ihrem Sofa auf das seine begeben würde.

Ein wunderbares Mosaik, täglich zusammengesetzt aufs Neue, und damit nie wirklich identisch. Und dennoch ähnlich jeden Tag, verständlich, analysierbar, harmonisch.

Eine Harmonie, die nie nachzulassen scheint, auch dann nicht, wenn auf einmal der Strom ausfällt. Bam! Das Licht geht aus, die Lautsprecher schweigen, die Ventilatoren ruhen. Ich schaue auf, um mich herum. Der alte Herr liest weiter seine Zeitung (ja, im Dunkeln), die Gäste mit Laptop und Handy arbeiten und texten ruhig weiter, und laufende Diskussionen werden unbeirrt und ohne Unterbruch fortgeführt. Und genauso nahtlos wie der Tag zur Nacht wurde, wird die Nacht nach ein paar Sekunden oder Minuten wieder zum Tag. Vielleicht habe ich das auch einfach nur geträumt. Niemand ausser mir gibt jedenfalls den Anschein, das irgendwie mitbekommen zu haben. Eben, harmonisch, dieses Mosaik.

Wie stellst du das an, Caribou Café? Wie lässt du die Jugend altern und schenkst gleichzeitig dem Alter seine Jugend wieder? Wie modernisierst du Tradition und traditionalisierst Moderne zugleich? Und wie bitte schaffst du es, das alles mit so viel Leichtigkeit und so wenig (zuweilen gar keiner) Energie zu bewältigen?

Wundersam, dieses Caribou Café.

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